„SUCHEN SIE STREIT“ VON MICHAEL KRAKOW

Gastbeitrag von Michael Krakow

Text Konfliktkommunikation 17. Juni 2017

Über gelingende Konfliktkommunikation – Streit aber bitte richtig

„Hört auf, zu streiten!“, dieser Satz fällt so oder so ähnlich in vielen Familien und dies nicht selten. Ein Konflikt entsteht unter Kindern spontan um ein Spielzeug, eine Süßigkeit oder ein Teil der allgegenwärtigen Unterhaltungselektronik und endet abrupt, wenn ein Elternteil genervt ein Machtwort spricht. Durch diese übergeordnete Macht wird der Konflikt augenblicklich als beendet deklariert, was erklären dürfte, weshalb so viele Erwachsene nicht wirklich gut zu streiten in der Lage sind. Denn dazu müssten sie ihn ausprobiert, geübt, trainiert, im wahrsten Wortsinne ausgelebt haben. Der Streit als solcher aber hat ein schlechtes Image, jeder versucht ihn zu vermeiden, so gut er kann. Eltern, Erzieher und Lehrer sind auf der Hut, jeder Streiterei ihrer Schützlinge den raschen Garaus zu machen. Im Erwachsenenalter hat verursachter Ärger durch unsachgemäßen Umgang dann zumeist nur zwei Handlungsalternativen: Unterdrückung oder Eskalation. Wir ignorieren ihn bewußt oder tragen ihn beinahe ungezügelt aus. Dabei gibt es einen dritten Weg und der liegt zwischen diesen beiden, nämlich volle Leidenschaft bei gleichzeitiger Verlaufskontrolle. Bedauerlich, dass dies kein Unterrichtsfach an Schulen ist.

Doch bedeutet das nicht, dass man konstruktive Konfliktkommunikation nicht auch noch im späteren Alter erlernen kann, sie ist wie eine Fremdsprache, nicht altersgebunden limitiert in ihrer Aneignung. Der Effekt, eine Meinungsverschiedenheit gekonnt auszutragen, ist nicht zu unterschätzen! Wer kennt ihn nicht, diesen ewig wiederkehrenden Konflikt, der zwar jedesmal einen anderen Auslöser hat, jedoch in seiner inneren Mechanik stets ähnlich verläuft. Paare können nach Jahren ihrer Verbindung locker vorhersagen, welche Vorwürfe sie wann und in welcher Weise zu hören bekommen. Wie sie darauf reagieren, ist wiederum ebenso wenig Geheimnis. Dies liegt daran, dass Konflikte nicht wirklich gelöst, sondern

immer wieder erschöpft vertagt, unter dem Postulat der Streitvermeidung weggedrückt werden. Bis zum nächsten Mal, denn alles, was unterdrückt wird, wird dadurch stärker, Empfindungen ernähren sich bekanntermaßen von ihrer Vermeidung.

Ärger im Alltag

Um Ärger muss sich im Alltag kaum jemand lang bemühen. Der Kunde ruft an und ist wegen einer Reklamation sauer, der Chef kritisiert wegen nicht gut umgesetzter Ziele, der Nachbar herrscht an, weil die Hecke zu ihm hinüberwächst, der Partner ist erbost, weil schon wieder etwas nicht erledigt, was versprochen wurde. Und so weiter, ergänzen Sie nach eigenem Erleben. Auf Anwürfe kann ich reaktiv reagieren, das bedeutet, ich werde angeschossen und schieße zurück, ein natürlicher Reflex und der Kampf um die Deutungshoheit ist flugs entbrannt. Das Wort Konflikt entstammt dem Begriff Confligo, was im Lateinischen „Zusammenstoßen“ bedeutet. Darin liegt schon der Widerspruch, denn Communico heißt übersetzt „Vereinigen“. Konfliktkommunikation also ist etymologisch betrachtet demnach so viel wie eine Kampfvereinigung. Was denn nun, Kämpfen oder Vereinen? In diesem Paradoxon liegt bereits der erste Schlüssel zur Lösung, denn bevor ich emotional in einen mir angebotenen Konflikt vollumfänglich einsteige, kann ich mich selbst fragen, was ich in diesem Streit erreichen will – kämpfen oder lösen? Will ich besiegen oder eine Vereinbarung erlangen? Beides parallel funktioniert nicht.

„Dann gibt’s Mittag und Streit, wer’s erste Fischstäbchen kriegt, bis die Tränen fließen und es auf der Erde liegt.“ Die Kinder von Liedermacher Reinhard Mey erfuhren in diesem (später vom Vater dergestalt besungenen) Moment das eherne Prinzip des Streits um Standpunkte, er führt niemals zu einer befriedigenden Lösung für beide Streitparteien. Ein Konflikt um Standpunkte schnürt beide in ihrer jeweiligen Ecke ein, die Kombattanten binden sich selbst fest ins Schwarz-Weiß-Muster des Grundsätzlichen („Mir geht es ums Prinzip!“), aus denen sie ohne Gesichtsverlust kaum wieder herauskommen können. Spätestens seit dem großen Paul Watzlawick wissen wir, dass dieses ein leidiges Nullsummenspiel ist, dass keine Gewinner kennt, nur Verlierer hervorbringt.

Konfliktkommunikation, der Weg zum tragfähigen Kompromiss

Gelingende Konfliktkommunikation sucht den Streit um Möglichkeiten auszutragen, nur diese Variante bietet die Chance auf Einvernehmlichkeit, auf tragfähigen Kompromiss, Neudeutsch Win-Win-Situation. Die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach schrieb einst „Nicht, wer streitet, ist zu fürchten, sondern jener, der ausweicht.“. Begreifen wir also einen Streit als etwas Sinnstiftendes, den er löst zunächst die Fesseln überbordender Konvention, schafft Raum für klare Haltungen und deren ehrliche Ausformulierung. Sich innerhalb von regulativen Leitplanken Luft zu verschaffen, bildet das Fundament, auf dem gemeinsame

Entwicklung möglich ist. Beschriebene Kinder am Mittagstisch hätten erfahren können, dass ein halbes Fischstäbchen für jeden allemal leckerer ist als keines für niemanden. Dies gilt für Berufliches ebenso wie für Privates. Streiten kann man lernen, Streitvermeidung beherrschen wir alle längst wie dessen Eskalation. Haben Sie Lust auf Streit, die vergessene Streitlust, aber lassen Sie sich zuvor zeigen, wie es funktioniert. Dann antworten Sie auf die Frage, ob Sie Streit suchen, mit einem vergnügten Ja.

Michael Krakow ist Kommunikationstrainer und freier Dozent, sein Erfolgsprogramm „Das Fisch Credo“ bietet unter anderem ein Schulungs-Modul zur gelingenden Konfliktkommunikation. Kontakt: www.mikrakom.de

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